Ich bin zwar bekanntlich eher für Wahl als für Los, zumal ich wie erwähnt völlig neue Wahlverfahren entwickelt habe.
Dass und wie ich aber auch schon Losverfahren und Wahl miteinander gemischt und vereinbart habe, ergibt sich nicht zuletzt aus meinem Beitrag "Losverfahren und Vorwahl", jenem 4. Beitrag zum Thema "Partei - und Fraktionsdisziplin" in der Rubrik "Themen diskutieren".
Jetzt habe ich überdies eine Rezension der "Süddeutsche Zeitung" vom 20.03.2007 gefunden, in der u.a. folgendes m.E. sehr Wichtiges steht zum Thema Los und/oder Wahl. Ihr könnt dies komplett nachlesen bei der URL:
http://www.buecher.de/shop/buergerbeteiligung/die-federalist-papers/hamilton-alexander-madison-james-jay-john/products_products/detail/prod_id/20935000/#sz
, wenn Ihr dort den Button "mehr" betätigt. Dort steht eben u.a. (nach einer Vorrede zur Krise unseres Systems) ein Loblied auf die altgriechischen Losverfahren:
... "So gesehen, wird die „stabile Demokratie” zu einem Widerspruch in sich.
Nun, das liegt eben am Volk selbst, hätten die alten Gegner der Demokratie gesagt, das Volk ist nun einmal wankelmütig. Nun, mit dieser Unsicherheit kann man leben, konnten bislang die Politiker sagen, solange die Bürger das Spiel mitspielen und uns immer wieder, trotz allem, ihr Vertrauen schenken. Was aber, wenn sie nicht mehr oder kaum noch mitspielen? Was wird dann aus der Legitimation hier und der Partizipation dort? Das ist eine Sorge, die die politische Klasse inzwischen existenziell erfasst hat, urteilt man beispielsweise nach einem Sammelband mit dem Titel „Endstation Misstrauen?”, in dem einige deutsche Politiker Beiträge verfasst haben. Es herrsche eine „tiefgreifende Vertrauenskrise”, schreibt dort der saarländische Ministerpräsident, „das Vertrauen in die Lösungskompetenz von Parteien ist auf dem Tiefstand”, schreibt die Politische Geschäftsführerin der Grünen, „wenn die Skepsis . . . in Misstrauen umschlägt, ist das eine Bedrohung für unsere demokratische Ordnung”, schreibt der frühere FDP-Vorsitzende, der heute der parteinahen Naumann-Stiftung vorsteht.
Was also tun? Wenn sie annehmen, dass eine derartige Vertrauenskrise eine reale Bedrohung sei, dann erheben politische Kommentatoren in verlässlicher Regelmäßigkeit die Forderung, die Beteiligung der Bürger an der Politik sei zu verbessern. Und gleichermaßen verlässlich führen sie das Mittel an, mit dem die Besserung zu erreichen sei: nämlich die Direktabstimmung des Volkes über Sachfragen der Politik. Selbst der konservative Ministerpräsident aus dem Lager der Schritt für Schritt erodierenden Volksparteien greift in seinem zitierten Aufsatz („Das Vertrauen in die Politik stärken”) zu diesem Strohhalm: die „Einführung von plebiszitären Elementen auf Bundesebene” sei, so Peter Müller, als „Ergänzung unserer repräsentativen Demokratie” zu empfehlen.
Wie einfallslos. Könnte man zur Stärkung der Demokratie, wenn schon die Verfassung geändert werden soll, nicht andere Methoden einführen? Etwa diese: Jeder Bürger, der Interesse an einem politischen Amt hat – an einem Abgeordnetensitz oder an einem Ministerposten –, der meldet sich. Er bekommt daraufhin ein Los. Sodann werden in einer staatlich überwachten Auslosung unter den Interessenten die Gewinner bestimmt. Der ausgeloste Bürger kann dann für eine Zeit das Amt ausüben, ohne irgendeine zusätzliche Qualifikation, aber unter der Auflage, dass er sich bei einer Rechenschaftsablage für etwaiges Fehlverhalten im Amt verantworten muss. Und es gilt das Rotationsprinzip, das heißt, derselbe Bürger kann nicht dasselbe Amt mehrfach hintereinander innehaben.
Nein, so wird man sagen, so geht das aber auch nicht. Das Leben selbst mag eine Lotterie sein, aber der Bundestag ist doch nicht die Glücksspirale! Wollen wir etwa so über die Rentenversicherung oder über Tornadoeinsätze entscheiden?
Doch genau so hat man es im klassischen Athen gemacht, in der ersten Demokratie, dem Urbild aller späteren. In den Rat der Fünfhundert – also in dasjenige Gremium, so hat es ein Historiker beschrieben, das die athenische Demokratie noch von der Institution der Regierung übrig gelassen hat –, in den Rat zogen ausgeloste Bürger für die Amtszeit von einem Jahr, nach einem geographischen Schlüssel, so dass alle Teile Attikas, Land und Stadt, gleichermaßen vertreten waren. Für die dabei eingesetzten komplizierten Losmaschinen, die alle menschliche Manipulation verhindern sollten, brachten die Griechen ihre Ingenieurskunst zu Einsatz. Ausgelost wurde in Athen sogar die Mitgliedschaft in einem staatlichen Richterkollegium: in den Volksgerichten, die in einer großen Gruppe von Laien ohne jeden juristischen Experten über Verurteilung oder Freispruch befanden, die zudem oft über Fälle öffentlicher Amtsführung zu entscheiden und somit auch einen erheblichen politischen Einfluss hatten.
Man könnte darin allerdings nichts anderes als ein demokratiegeschichtliches Kuriosum sehen, heute, wo diese Auswahlmethode längst, wie Carl Schmitt schrieb, „unpraktisch geworden” ist: Wir haben ja auch keine Sklaven und keine Tieropfer mehr. Es ist jedoch das große Verdienst des jetzt ins Deutsche übersetzten Buches „Kritik der repräsentativen Demokratie” von Bernard Manin, uns klar zu machen, dass die Auslosung von Ämtern keineswegs eine Marginalie für die Demokratie ist. Denn aus dem Losverfahren – das heißt: aus seiner Ablehnung – lässt sich Entscheidendes über das Wesen der neuzeitlichen, repräsentativen Demokratie lernen. Und diese Staatsform, das ist die Hauptthese dieser Studie des französisch-amerikanischen politischen Philosophen, ist eigentlich überhaupt keine Demokratie. Das westliche Repräsentativsystem habe, sagt Bernard Manin, bloß demokratische Elemente, während eines seiner Grundprinzipien selbst, nämlich die Wahl von Abgeordneten durch das Volk, historisch sowie an sich eine aristokratische Einrichtung sei. Diese These lässt sich politik- und ideengeschichtlich nach Ansicht des Verfassers daran verifizieren, „dass die Anhänger der Repräsentation die Demokratie grundlegend von jenem System unterschieden, für das sie eintraten”.
Nicht nur, dass das Losverfahren in verschiedener Ausformung in den frühen italienischen Stadtrepubliken Florenz und Venedig bei der Ämterbesetzung eingesetzt wurde. Der demokratische Charakter der Methode war auch in der politischen Theorie deutlich formuliert, als die belesenen Väter der Republiken in Frankreich und in Amerika im 18. Jahrhundert ihre Verfassungen erdachten. Man las Aristoteles in der „Politik”: „Es gilt als demokratisch, die Ämter durch Los zu besetzen, dagegen als oligarchisch, die Inhaber zu wählen.” Oder Montesquieu im „Geist der Gesetze”: „Die Abstimmung durch das Los entspricht dem Wesen der Demokratie, die durch Wahl dem der Aristokratie. Das Los ist eine Art der Wahl, die niemanden kränkt und jedem Bürger eine angemessene Hoffnung lässt, dem Vaterland dienen zu können.” Oder Rousseau im „Gesellschaftsvertrag”: „In einer wahren Demokratie” (gemeint ist: in einem Gemeinwesen, in dem alle Menschen auch de facto gleich sind) „würde die Wahl durch Los wenig Schwierigkeiten bereiten.”
Die Schöpfer der für alle modernen Demokratien vorbildlichen Verfassungen in der Zeit der Revolutionen, führt Manin aus, hätten also das Losverfahren nicht etwa vergessen oder als in großen Staaten zu umständlich erachtet – denn auch auf lokaler Ebene hat man es nicht vorgesehen –, sie hätten es vielmehr aus einem bestimmen Interesse ausgeblendet: „Zur gleichen Zeit, als die Gründerväter die Gleichheit aller Bürger deklarierten, entschied man sich auf beiden Seiten des Atlantiks ohne die geringsten Bedenken für die uneingeschränkte Herrschaft einer Auswahlmethode, die seit langem als aristokratisch galt.”
Damit ist die Wahl gemeint. Während wir in regelmäßigen Wahlen, auch bei sonstigem Verdruss an Politik und Gemeinwesen, noch das am meisten Demokratische zu sehen pflegen, so galt die Wahl von Amtsträgern dem republikanischen Modell, das sich durchgesetzt hat, gerade nicht als „demokratisch”. Die amerikanischen Gründungsväter haben bekanntlich den schrankenlosen Einfluss des gemeinen Volkes auf den Staat zurückhalten wollen – aber nicht nur durch bestimmte staatsorganisatorische Besonderheiten, wie die Einrichtung eines Senats, sondern: durch die Wahl von Repräsentanten selbst."
...
"Ähnlich schrieb Carl Schmitt in der „Verfassungslehre” (als einer der wenigen) über Auslosung und Wahl: „Im Vergleich zur Auslosung ist die Bestimmung durch Wahl, wie Plato und Aristoteles richtig sagen, eine aristokratische Methode. Aber im Vergleich zur Ernennung durch eine höhere Instanz oder gar zu einer Bestimmung im Wege der Erbfolge kann sie als etwas Demokratisches erscheinen.” " ...
(Carl Schmitt ist freilich trotzdem mit Vorsicht zu genießen, da er sowohl Hobbes als auch Hitler umschwärmte und ein sehr gefährliches ZWANGS-Freund-Feind-Denken verkündete, wie ich andernorts schon deutlich gemacht habe.)
In Wikipedia "Demarchie" stehen zudem m.E. sehr wichtige Hinweise zur Auswirkung des Losverfahrens, so insbesondere:
"Korruption
Zufällig ausgewählte Personen sind weit weniger abhängig. Sie müssen nicht auf eine Parteilinie, eine Parteikarriere, den Erhalt eines politischen Postens oder den Eindruck, den sie in der Öffentlichkeit machen, Rücksicht nehmen. Die Chancen sie zu korrumpieren sind wesentlich geringer als es bei den gewählten Vertretern in der repräsentativen Demokratie der Fall ist (siehe Nachteile der repräsentativen Demokratie), unter anderem auch deshalb, weil sie erst nach ihrer Ernennung bekannt werden (siehe auch Lobbyismus)."
sowie (im Absatz vorher zum Thema "Wahlen"):
"Hinzu kommt, dass die meisten Wähler weder die Zeit noch das Interesse haben, sich umfassend mit den Programmen der Parteien oder ihrem Verhalten bzw. dem der Kandidaten zu beschäftigen (siehe Rationale Ignoranz). Infolgedessen wird viel Zeit und Geld darauf verwandt, für Parteien und Politiker zu werben. Die Wähler geben ihre Stimme dann entsprechend dem Eindruck, den sie durch die Werbung oder andere Einflüsse wie die Medien haben. In der Demarchie entfällt dieser Aufwand. Entscheidungen werden von Personen gefällt, die nicht versuchen mussten sich in einer solchen Weise zu präsentieren."